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pre-1961

Der Ami6 - eine kurze Rückblende

Nach Kriegsende

<imgcaption 2cv1948 left|1948 Citroën 2CV>1948 Citroën 2CV</imgcaption>

Die Entstehung des Citroën Ami6 geht zurück auf die zweite Hälfte der 50er Jahre. Blicken wir kurz zurück: Die ersten Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs sind auch in Frankreich geprägt durch ein stetiges Wirtschaftswachstum. Nach den Jahrzehnten, in denen ein Automobil eher mit dem Synonym „Luxus“ assoziiert wurde und trotz allen Bestrebens eigentlich nur für wenige finanzierbar war, wird nunmehr auf die breitflächige Individualisierung des Transports von Mensch und Waren gesetzt.

Der 2CV - ursprünglich konzipiert Ende der 20er / Anfang der 30er Jahre, 1936 in Vorserie bereits realisiert, aber durch den zweiten Weltkrieg in seiner Entwicklung verzögert - wurde 1948 auf dem Pariser Automobilsalon der Öffentlichkeit vorgestellt. Er setzt nach anfänglichen Spötteleien ob seiner „Konservendosen-Qualität“ trotzdem sehr bald Maßstäbe für ein komfortables, aber spartanisch-primitives Fahren auf den noch zumeist holprigen französischen Landstraßen. Vielen einfachen Bürgern verhilft die „Ente“ zur individuellen Mobilität und ist bald nicht mehr von den Straßen wegzudenken.

<imgcaption 1955ds19 right |1955 DS 19> 1955 Citroën DS 19, Paris Salon d'Automobile</imgcaption>

Mit dem Citroën DS, der „Deesse“, wird 1955 ein erneuter Meilenstein durch Automobiles Citroën präsentiert. Er ersetzt quasi den bis dato sehr erfolgreichen Traction Avant (dieser läuft 1957 endgültig aus) und läutet die modernistische Nachkriegsepoche ein. Über sie schrieb der deutsche Journalist und Schriftsteller Alexander Spoerl den berühmt gewordenen Satz: „Dies ist nicht das Auto von morgen. Es ist von heute. Die anderen sind von gestern.“

Das unerhört avantgardistische Design und die sensationelle Technik der Zentralhydraulik, hydropneumatischen Federung und halbautomatischen Schaltung, sowie der exzellente Komfort und die Geräuschdämpfung im Innenraum setzen Maßstäbe im Olymp des Automobilbaus. Allerdings sind auch die Preise der „Göttin“ dementsprechend astronomisch.

Zwischen den beiden Modell-Extremen klafft nun Mitte der 50er Jahre eine große Lücke, die es zu schließen gilt. Die potentiellen Käuferschichten sind mittlererweile etwas anspruchsvoller geworden. Man verlangt nach etwas mehr Luxus und Komfort - der aber noch bezahlbar bleiben soll.

Die anderen französischen Automobilhersteller haben bereits reagiert. Renault und Peugeot, die Erzrivalen, bieten bereits komfortable Modelle der Mittelklasse u.a. mit der Dauphine bzw. dem 203 an. Simca verkauft den Aronde und ab 1958 den Etoile in diesem Marktsegment.

Und wo bleibt Citroën?

Die Konkurrenz ist da. Wo bleibt Citroën?

<imgcaption bercot01 right | Pierre Bercot>Pierre Bercot</imgcaption>

Unter der Regie des Generaldirektors und späteren Vorstandsvorsitzenden von Automobiles Citroën, Pierre Bercot, wird ein Pflichtenheft definiert, das bestimmt wird durch einen Reihe wesentlicher Faktoren:

Ein Modell für die Beförderung von 4 Erwachsenen sei zu entwickeln mit großem Kofferraum, optimaler Raumausnutzung, einer maximalen Länge von 4 Metern, und ohne Verwendung einer 5. Türe - Bercot hat nämlich eine Abneigung gegen die „Utilitaires“ (heute würde man sagen: Kombis oder Nutzfahrzeuge).

Es gilt, eine Limousine für Familie und den bürgerlichen Mittelstand zu definieren, um dem allmählich aufkommenden Wohlstand ein automobiles Pendant an die Seite zu stellen - aber hier passt sicherlich kein weiterer Lastesel!

Der Beginn der Serienproduktion wird in den ersten Projektausarbeitungen auf das Frühjahr 1960 gelegt. Somit bleiben knapp 4 Jahre für die Fahrzeugentwicklung. (NB: Im späteren Verlauf des Projekts muß der Zeitplan um rund ein Jahr nach hinten verlegt werden, der Ami6 kommt also erst 1961 zum Start.)

Ein ausführliches Kapitel widmet sich dem Design der ersten Stufenhecklimousine von Citroën, dem Ami6.

1. Juni 1959, L'Auto-Journal: Enthüllungsjournalismus - oder doch "nur eine Ente"?

<imgcaption autojournal01 left|1959 L'Auto-Journal>1959 Auto-Journal</imgcaption>

Die Gerüchteküche der französischen Presse brodelt in der zweiten Hälfte der 50er Jahre. Die Tageszeitschrift „Le Monde“, Journale wie „Paris Match“ und auch Fachzeitschriften wie einige Journalisten spekulieren bereits wild über ein neues Modell der Mittelklasse, welches Citroën bald vorstellen wird. Noch liegen allerdings keine konkreten Informationen vor, und so bleibt es beim Hörensagen und vielen vagen Andeutungen.

Am 1. Juni 1959 geschieht dann das für alle Unerwartete:

Das französische „L' Auto-Journal“ berichtet in seiner Ausgabe Nr. 223 unter der Überschrift „Alles über den neuen 3CV Citroën - eine sensationelle Dokumentation“ ausführlich und weltexclusiv über das demnächst von Citroën lancierte Modell “3CV“ und zeigt bereits erste Vorabansichten des Prototypen, die dem eigentlichen Serienmodell, das erst zwei Jahre später der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird, verblüffend ähnlich sehen.

Die vom bekannten Automobilzeichner und Buchautor Rene Bellu angefertigten Illustrationen legen den unmittelbaren Verdacht nahe, daß hier Industriespionage stattgefunden haben muß. Vielleicht waren die eigenen Angestellten nicht verschwiegen genug? Oder hat jemand heimlich die Mauern des Citroën-Testgeländes bei La Ferté-Vidame überwunden oder die Hinterhöfe der Rue du Theatre ausbaldowert und einen der Prototypen entdeckt oder fotografiert?

Citroën erstattet daraufhin Strafanzeige und die Räumlichkeiten des Verlags werden durchsucht, ein Beweis kann jedoch im offiziell eingeleiteten Ermittlungsverfahren nicht erbracht werden.

Das ohnehin durch die früheren Veröffentlichungen auch zum DS-Prototypen im Juni 1952 (also rund 3 Jahre vor der offiziellen Präsentation) bereits sehr angespannte Verhältnis zwischen den beiden Parteien wird sich auch über Jahre hinweg nicht erholen…

Montag 24. April 1961: Vorstellung des Ami6 für die Presse

Bereits Ende März 1961 werden die ersten Pressephotos und eine Presseerklärung von der Kommunikationsabteilung von Citroën veröffentlicht. Eine Einladung zur offiziellen Vorführung einige Tage später wird an die führenden Motorjournalisten, Redaktionen und Presseverlage in Europa verschickt.

<imgcaption pres6116 left|Pressevorführung, 24. April 1961, Mailand> Pressevorführung, 24. April 1961, Mailand</imgcaption>

Am 24. April ist es endlich soweit: auf dem Regional- und Militär-Flughafen von Villacoublay südlich von Versailles wird der Citroën Ami6 den Journalisten vorgestellt, zeitgleich zu weiteren europäischen Präsentationen u.a. in Köln, Amsterdam (NL), Brüssel (B), Genf (CH) und Mailand (I).

Beinahe jedoch hätte die Kampagne in Villacoublay abgesagt werden müssen - wegen des zeitgleich stattfindenden Putsch der Generäle in Algerien (21.-26.4.1961) fanden größere militärische Operationen und Transporte am Flughafen statt, und einige Journalisten stornierten daraufhin ihre Zusage zur Teilnahme an diesem Termin (dieser verlief aber dann dennoch ohne größere Störungen).

Die erhoffte große Berichterstattung in Presse, Funk und Fernsehen konnte daher leider nicht wie ursprünglich geplant stattfinden; die prominente Medienpräsenz mußte sich Citroën an diesem Tag mit den großen außenpolitischen Ereignissen teilen.

Die Präsentation des Ami6 in Amsterdam kann auf den umfangreichen Fotos des holländischen Nationalarchivs nachverfolgt werden.

Erste offizielle Bilder des Citroën Ami6

<imgcaption proto02 right|Prototyp Nr. 3, 1960> Prototyp No. 3, Ami6 1960</imgcaption>

Werfen wir einen genaueren Blick auf die Photos - zunächst die Vorserien-Modelle.

Bei dem im Bild gezeigten Prototyp Nr. 3 fallen zwei wesentliche Designmerkmale auf, die bei den späteren Serienmodellen nicht mehr vorhanden sein werden.

Über die gesamte Vorderseite der Front werden zwei Inox-Streifen in Höhe der Blinker geführt, in schwebender Montage vor dem feinmaschigen Lufteinlaßgitter des Kühlers. Was stilistisch sehr schön wirkt, ist im Alltag leider untauglich für einen Stoßstangenbereich:

Die Streifen brechen trotz stabilisierender Streben in der Mitte und halten eine Last z.B. beim Gegenlehnen oder gar Touchieren nicht aus. Auch die Stoßstange ist bereits bei mittleren Parkremplern nicht zur Kraftaufnahme geeignet - bei ersten Tests verformt sich zusätzlich die fragile Frontmaske relativ leicht, und das schon bei vergleichsweise geringen Aufprallgeschwindigkeiten.

Bei den eigentlichen Serienmodellen wird daher an dieser Stelle ein in die Frontstoßstange integrierter bügelförmiger Stoßfänger eingebaut, der zudem die anfallenden Kräfte über eine Verankerung am Fahrzeugrahmen abmildert. Die durchgezogenen Streifen entlang des Kühlers entfallen, und werden nur noch rechts und links auf der Frontmaske entlang der Blinker als Stilelement, in einfacher zu fertigendem Aluminium ausgeführt, belassen.

Darüber hinaus prangt vorn auf der Motorhaube noch ein Doppelwinkel, den Bertoni später wieder entfernen läßt, weil er nach seiner Ansicht zu sehr das vordere Fahrzeugbild des Wagens dominiert.

Übrigens - bei genauerer Betrachtung ist der Ami6 das einzige Citroën-Modell bis zu diesem Zeitpunkt, bei dem der Doppelwinkel an keiner äußeren Stelle am Fahrzeug sichtbar ist! (Die späteren Modelle des Ami6, ab Baujahr 09/1967, werden im Kühlergrill einen dezent stilisierten Doppelwinkel tragen. Aber auch diesen erkennt man erst auf den zweiten Blick…)

Auf den Pressebildern unterscheidet der Betrachter sowohl die spätere Front der Serienmodelle als auch die der Vorserien-Modelle, die den wartenden Journalisten präsentiert werden.

Auffallend ist im Übrigen die Perspektive des Photographen:

der Ami6 wird gern aus einer hockenden, wenn nicht gar liegenden Position des Betrachters mit Hilfe einer leichten Weitwinkeloptik abgelichtet. Die stilistisch ohnehin recht ausgeprägte Front wirkt dadurch recht groß dimensioniert im Vergleich zum Innenraum und den Türen. Hier suggeriert man dem potentiellen Kunden, daß der Ami6 dominanter sei und sicherlich sich auch dadurch von dem 2CV abhebe - auch wenn er dessen konstruktive Basis im Wesentlichen übernimmt.

Die ebenfalls sichtlich große Bodenfreiheit der Karosserie verspricht darüber hinaus ein komfortables Reisen über die großteils noch immer recht holprigen Landstraßen Frankreichs. Die Werbetexte aus dieser Zeit unterstreichen diesen Anspruch sehr deutlich.

29. April 1961: "Paris Match" zeigt erste Live-Bilder

<imgcaption parismatch01 left|Paris Match, Ausgabe vom 29. April 1961> "Paris Match", Ausgabe vom 29. April 1961</imgcaption>

Die französische Illustrierte „Paris Match“ zeigt in ihrer Ausgabe No. 629 vom 29. April 1961 die ersten Bilder vom bis dato noch nie in der Öffentlichkeit gesehenen Ami6. Seit drei Jahren wurde über dieses Auto spekuliert, und nunmehr kann die Neugierde der Öffentlichkeit erstmals befriedigt werden - hier ist er also!

In dem kleinen Ort Nogent-le-Roi (1420 Einwohner), rund 78 km von Paris entfernt, wird der Ami6 aus dem Bauch eines Transport-LKWs entladen. Gleich schart sich eine Gruppe Neugieriger um dieses Auto, denn es ist bislang nur rund 40 Eingeweihten möglich gewesen, überhaupt einen Blick auf dieses sehr geheim gehaltene Modell zu werfen…

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pre-1961.txt · Zuletzt geändert: 2009/12/21 09:17 (Externe Bearbeitung)